Mittwoch/Donnerstag,
28. - 29.03.2007 – Etappe 4
JEBEL ZIREG OUEST / OUEST DU KFIROUN – 70,5 km
Die
Nächte sind kalt und der Boden unter dem Schlafsack
steinig und hart. Wenn ab Mitternacht der eisige Wind durch
das Zelt zieht wird der Schlaf unruhig. Du drehst und drehst
dich um deine schmerzenden Hüften und Schultern zu
entlasten. Noch sechs Stunden um die Batterien zu laden!
........ der Tag der
Wahrheit
Kurz vor sechs Uhr wache ich auf. In ein paar Minuten werden
die Berber mit ihrem Tageswerk beginnen und unsere Zelte
zerlegen.
Die Erschöpfung und der Pessimismus von gestern sind
verschwunden. Nur ein leichter Muskelkater in den Oberschenkeln
erinnert noch an die überstandenen Strapazen. Heute
ist der Tag der Wahrheit. Der Tag auf den eigentlich alles
hinausläuft. Alles bisher war nur ein Einlaufen –
eine Vorbereitung auf diese „Königsetappe“.
Der Veranstalter hat für diese Distanz ein Zeitlimit
von 36 Stunden gesetzt. Die Läufer haben die Möglichkeit
auf der Strecke in einem CP (oder der Wüste) zu übernachten
und am nächsten Tag weiterzulaufen
Ich werde versuchen diese 70,5 km durchzulaufen –
mich nicht schlafen legen und nicht kochen. Essen und Trinken
werde ich während des Laufens. Ich möchte bis
spätestens Mitternacht im Bivouac sein! Den morgigen
freien Tag werde ich zum Ausruhen benutzen.
Im Startraum herrscht die gewohnt ausgelassene Stimmung!
Die Musik dröhnt und mein Optimismus steigt. Ich bin
schon ähnliche Distanzen gelaufen – ich werde
auch heute durchstehen!
Der
Start verläuft weniger hektisch als die Tage zuvor.
Der Respekt der Läufer vor der heutigen Etappe ist
zu groß. Nur sehr Wenige preschen wieder davon. Ich
lasse es vorsichtig angehen, registriere kaum ob der Untergrund
hart oder weich, ansteigend, eben oder abfallend ist. Ich
versuche mein Tempo der Umgebung anzupassen und so locker
wie möglich zu laufen. Der Rucksack hat in den letzten
Tagen einiges an Gewicht verloren und behindert kaum noch.
CP1 und CP2 passiere ich ohne längeren Aufenthalt.
Was sind 10, 20 Kilometer wenn 70 zu laufen sind!
Land der Berge
Nach CP3 und immerhin 30 Kilometern merke ich dann wie meine
Beine schwerer werden. Das Laufen wird mühsamer. Ich
treffe auf Christian aus Eisenstadt, der eigentlich schon
Kilometer voraus sein müsste. Er ist durch eine Verkühlung
ziemlich geschwächt und fiebert offensichtlich. Da
er mir versichert, dass er weiterlaufen kann, trabe ich
weiter. Kurze Zeit später überholt mich „Stone“,
haut mir auf die Schulter und zieht – laut „Land
der Berge“ singend - davon! Hätte ich noch ein
bisschen mehr Energie, würde ich ihm in den Rücken
fallen. Und wieder einmal erreiche ich den Zustand in welchem
das Unterbewusstsein die Koordination des Laufens übernimmt
und die Gedanken abschweifen. Ich versetze mich in die schattigen
Wälder Wolfurt`s und unterhalte mich mit Freunden und
Bekannten........
CP4
erreiche ich nach einem mühsamen sandigen Anstieg.
Die Erkenntnis 42 Kilometer – also mehr als die Hälfte
– hinter mir zu haben gibt mir neuen Auftrieb.
Zu meiner großen Überraschung stoße ich
in CP4 auf meine Zeltkameraden Christian, Kai und Matthias.
Nach einer kurzen Stärkung laufen wir miteinander los.
Anfangs wird noch ein wenig gequatscht. Kai verteilt Bananenchips
die herrlich schmecken! Die Strecke wird sandiger und ansteigend
und die Unterhaltungen werden weniger. Christian und ich
schließen uns zusammen und sind etwas schneller als
Kai und Matze. Kilometer für Kilometer spulen wir herunter.
Die Sonne bewegt sich auf den Horizont zu und die Hitze
ist nicht mehr so unerträglich. Wir sind inzwischen
in einen Trott verfallen der vom ewigen auf und ab des Geländes
bestimmt wird. Nach unserem Gefühl müsste der
nächste CP längst in Sichtweite sein, aber weit
und breit nur Hügel, Sträucher, hin und wieder
eine ärmliche Behausung von Hirten und am Horizont
eine Bergkette. Die Minuten ziehen sich in die Länge
und die Füße schmerzen unerträglich. CP5
taucht erst nach einer weiteren halben Stunde vor uns auf
und weitere 20 Minuten benötigen wir bis wir dort unsere
Wasserflaschen in Empfang nehmen. Hier bekommen wir auch
unsere Knicklichter für das Weiterlaufen im Dunkeln.
Als wir unsere Powerriegel gegessen haben treffen auch Matze
und Kai ein. Christian und ich entschließen uns jedoch
wieder aufzubrechen um das Tageslicht noch möglichst
lange nutzen zu können.
Knicklichter und Stirnlampen
Wir
laufen in die Abenddämmerung hinein. 52 Kilometer hinter
uns – noch 18 vor uns! Zwölf Kilometer bis CP6.
Ein kalter Wind kommt auf und weht uns direkt von vorne
entgegen. Langsam wird es dunkel und wir setzen unsere Stirnlampen
auf und aktivieren die Knicklichter. Der Wind wird heftiger
und wir müssen beim Laufen dagegen ankämpfen.
Jetzt nur nicht vom Weg abkommen. Wo ist die nächste
Markierung angebracht?
Die Stirnlampen leuchten nur einen sehr begrenzten Raum
vor uns aus. Wir laufen den direktesten Weg zum nächsten
Markierungspunkt – ungeachtet des Geländes und
der Bodenbeschaffenheit. Es sind nun sehr wenige Läufer
vor uns und immer wieder stehen wir alleine in der dunklen
Wüste. Genauso gut könnten wir uns auf dem Mond
befinden. Der Wind wird immer stärker und kommt natürlich
konstant von vorne!
CP6 erreichen wir nach endlosen weiteren zweieinhalb Stunden
mit brennenden Augen, schmerzendem Rücken und gefühllosen
Füßen. Aber was soll`s – wir haben nur
noch ganze sechs Kilometer vor uns! Wir haben es so gut
wie geschafft.
Es sollten die längsten sechs Kilometer unseres Lebens
werden! Der Wind hat sich zum Sandsturm entwickelt. Das
Gelände ist von Dünen durchzogen und auf jedem
Dünenkamm peitscht uns der Sand ins Gesicht. Als wir
die Lichter des Bivouacs sehen sind wir irre vor Freude.
Es geht wieder hinab von der Düne und als wir den nächsten
Dünenkamm erklettern sind die Lichter nicht mehr zu
sehen. Drei Dünen später sind sie wieder da –
immer noch in derselben Entfernung. Dieses Spiel geht noch
eine gute halbe Stunde so weiter bevor Christian und ich
gemeinsam ins Ziel einlaufen! Es ist 21:45 Uhr – wir
waren 12 ½ Stunden unterwegs.
......... schlafen
Diese
Nacht liege ich auf den größten und spitzesten
Kieselsteinen die ich in der Wüste je unter mir hatte.
Trotzdem muss ich jedes mal wenn ich erwacht bin, gelächelt
haben!
Die Angstetappe ist bewältigt – 70,5 Kilometer
sind gelaufen.
Ich bin einfach nur glücklich diese Etappe hinter mich
gebracht zu haben und ich habe einen freien Tag vor mir!
Der Schlaf hüllt mich wieder ein obwohl ich irgendwie
das Gefühl habe mit dem Kopf nach unten zu liegen.
Das wird meinen Füßen bestimmt gut tun! |