Sonntag,
25.03.2007 – Etappe 1
IRHS / KHERMOU – 29,3 km
diese Nacht war die kälteste bisher; ab ein Uhr Nachts
pfeift der Wind aus dem Atlasgebirge durchs offene Zelt!
Gott sei Dank habe ich meine Fliesjacke dabehalten - dafür
ist meine Schlafmatte jetzt in Quarzazate (hoffentlich hat
sie`s dort warm)
Wenn mich die Kälte einmal schlafen lässt halten
mich die Steine auf denen ich liege wach! Aber bei neun
Stunden im Schlafsack fällt schon die eine oder andere
Minute Schlaf ab.
Jalla, Jalla,
..... schreien die Berber und reißen
die Zelte buchstäblich über unseren Köpfen
ab. Es ist sechs Uhr Morgens und sie haben noch einen weiten
Weg vor sich. Die Zelte müssen bei unserer Ankunft
nach der heutigen Etappe in Khermou wieder stehen. Für
uns sind das rund 30 Kilometer, aber mit den LKWs können
es wegen der geländebedingten Umwege - trotz Allrad
– bis zu 100 km werden.
Also – raus aus dem Schlafsack und erst mal raus in
die Botanik. Der Körper verlangt sein Recht!
So – jetzt warmhalten (es hat kaum mehr als 5°
C) und erst einmal etwas essen. Es gibt einen Müsliriegel
und einen „Starter“ (Wasserzusatz von Ultra)
als Energiespender für die kommenden Strapazen. Als
besondere Belohnung gibt’s jeden Morgen eine Tasse
Kaffee! D.h. Esbit-Kocher raus und Wasser zum Kochen bringen!
Das ist bei diesem Wind gar nicht so einfach, geht aber
von Tag zu Tag besser!
Wolfgang ist – wie die Tage zuvor – bereits
wieder unermüdlich mit seiner neuen Kamera unterwegs
und filmt. Alles und Jeden! Auch sich selbst!
Es ist sieben Uhr. Noch gut zwei bis zweieinhalb Stunden
bis zum Start. Also einmal konzentriert den Rucksack packen,
das Gewicht ausbalancieren – wieder auspacken –
neu packen........
Langsam gewinnt die Sonne an Kraft und es wird angenehm
warm. Herrlich – jetzt ist es in kurzen Hosen und
Shirt richtig angenehm.
Zeit die Wasserration von 1 ½ Liter für den
Weg bis zu Checkpoint 1 auszufassen. Wasserkarte nicht vergessen!
Das Anstellen ist inzwischen zur Routine geworden und regt
niemanden mehr auf. Die Wasserausgabe geht immer recht zügig
voran.
Die
Berber verlassen mit ihrem LKW-Konvoi hupend und singend
das Lager. Eine Staubwolke die in Richtung Süden verschwindet.
Kurz vor neun Uhr beginnen die 750 Läufer Richtung
Startgelände zu pilgern. Auch ich schultere meinen
Rucksack und gehe die Ausrüstung im Kopf noch einmal
kurz durch: alles eingepackt, Wasser auf dem Zusatzpack
vor der Brust, Gamaschen an den Füßen, Kappe
mit Nackenschutz und Brille an – perfekt!
Briefing - das tägliche
Morgengebet
Im Startraum dröhnt die Musik – die Stimmung
ist übermütig und gelöst. Zelt 55 versammelt
sich zu einem „Vorher-Gruppenfoto“! Viele andere
machen das auch.
Es folgt das morgendliche „Briefing“ das hinkünftig
jeden Tag kurz vor jedem Etappenstart stattfinden wird.
Patrick Bauer und seine Englisch-Übersetzerin informieren
– vom Dach eines Landrovers aus – über
die zu laufende Strecke, Tagessieger, Ausfälle, Geburtstage,
etc.
Start in 5 Minuten! Die Lautsprecher dröhnen –
ACDC: „The highway to hell”.
Dann zählt Patrick Bauer: quatre
– tois – deux – un - zero
Ignatios und ich schütteln uns die Hände. „Mach`s
gut und paß auf!“ und ab geht die Post
..... und ab geht die Post
Spätestens
ab jetzt bist du auf dich allein gestellt. 750 Läufer
und Läuferinnen sprinten davon – ich mittendrin.
Der Hubschrauber der Organisation kommt von vorne im Tiefflug
auf uns zu. Quergestellt und der Kameramann steht auf den
Kufen und hält auf uns! Das Adrenalin schießt
in den Körper und reißt mich mit! Ich renne,
such eine Lücke zwischen den Läufern, überhole
links und rechts, weiche aus, werde überholt…………
Nach 500 Metern kommt plötzlich die Erkenntnis: Ich
keuche, bin viel zu schnell, meine Beine sind schon jetzt
wie Gummi. He du Anfänger – du hast noch 30 Kilometer
zu laufen! Zurückschalten oder du bist nach fünf
Kilometern erledigt!
Das Gelände steigt die nächsten 2 – 3 Kilometer
kontinuierlich an. Der Sand ist von den vielen Füßen
aufgewühlt und schwammig zu laufen. Mann, ist der Rucksack
schwer. Die volle Wasserflasche vor meiner Brust wippt bei
jedem Schritt auf meinen Zusatzpack und der drischt auf
meinen Magen.
Tempo nochmals zurücknehmen und durchbeißen bis
die Anhöhe erreicht ist. 15 Minuten sind um –
trinken! Ich werde mir wieder angewöhnen alle 15 Minuten
ein paar Schlucke Wasser zu trinken, egal ob ich durstig
bin oder nicht. Das hat sich letztes Jahr bewährt.
Die Anhöhe ist erreicht, das Gelände wird eben,
der Untergrund fest. Der Puls hat sich beruhigt und es geht
zügig dahin. Ab und zu überhole ich sogar einen
Läufer.
Für die heutigen 29,3 Kilometer habe ich mir eine Zeitvorgabe
von fünf bis fünfeinhalb Stunden gesetzt.
Den CP1, bei KM 12, erreiche ich nach 1:36 Stunden in einer
sehr guten Verfassung und bin sehr zufrieden.
Ich halte mich nicht lange auf, fasse nur Wasser und laufe
weiter.
Nach CP1 wird das Gelände schwieriger. Viel Sand und
kleine Dünen bremsen mein Tempo. Ich horche in mich
hinein und passe die Geschwindigkeit dem Gelände an.
CP 2 (KM 19,8) erreiche ich nach drei Stunden.
Wasser fassen – Buffer rein – schnell einen
Powerriegel essen und weiter geht’s
Die restlichen 10 Kilometer erwarten mich kleinere Dünen,
ein sandiger Anstieg auf einen Paß und ein ausgetrocknetes
Flussbett. Die Beine werden langsam schwer, aber ich habe
nicht das Gefühl ausgelaugt zu sein. Als ich in der
Ferne das Bivouac sehe weiß ich, dass ich eine gute
Zeit laufen werde ohne mich verausgabt zu haben.
Nach 4:30 Stunden laufe ich – zufrieden mit mir selbst
– durch das Ziel!
Marcel, Kai und Christian sind bereits im Zelt, Matthias
trifft knapp nach mir ein. Ignatios trifft nach einer Stunde
ein. Etwas angeschlagen aber mit dem gewohnt guten Humor.
Als dann etwas später auch Brigid eintrifft ist Zelt
55 komplett!
An
der Innenseite meines linken Fußes habe ich eine kleine
Blase. Oberflächlich und kaum zu spüren! Den andern
geht’s genauso – also mit etwas Tape abkleben
und gerötete Stelle präventiv gleich mittapen!
Kai geht vorsichtshalber doch zu den Doc-Trotters und kommt
voller Lob und mit perfekt verbundenen Füßen
zurück. „Die sind so was von freundlich und lassen
sich jede Menge Zeit. Kann ich euch nur empfehlen!“
Essen kochen – einen Refresher trinken und ein bisschen
quatschen. Wolfgang filmt und reißt Witze, Matthias
widmet sich hingebungsvoll seinen Blasen und ich klebe die
abgerissenen Kreppbänder meiner Gamaschen.
Noch immer treffen Läufer ein und werden in ihren Zelten
lautstark begrüßt!
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