TAGEBUCH JUNGLE
MARATHON 2008
Anreise:
(6. bis 8. Oktober 2008)
Sao
Paolo präsentiert sich kühl und regnerisch – so
haben wir uns Brasilien eigentlich nicht vorgestellt. Wir warten
auf unseren Anschlussflug nach Rio, wo uns die bras. Fluglinie TAM
einen fast 10-stündigen Aufenthalt eingeschoben hat.
In Rio warten wir zwei Stunden auf unser Gepäck, werden dann
von TAM aber mit einem exzellenten Mittagessen in einem originellen
Restaurant und einer mehrstündigen Führung überrascht.
Leider hüllt sich der Corcovado in Nebel und die Christusstatue
lässt sich nur grade einmal kurz als Schattenumriss erkennen.
Abends geht es weiter nach Belem wo wir eine halbe Stunde später
nach Santarem weiterfliegen. Bei der Ankunft in Santarem liegen
bereits ca. 36 Stunden Anreise – ohne allzu viel Schlaf –
hinter mir.
Ein Bus bringt uns nach Alter do Chao wo wir um 03:00 Uhr morgens
fassungslos vor einem Boot stehen auf welchem wir unsere Hängematten
aufhängen sollen. Sollen – denn das Boot ist bereits
auf sämtlichen Decks kreuz und quer mit Hängematten belegt.
Todmüde gelingt es uns irgendwie doch noch Plätze zu ergattern
und wir fallen erschöpft in unsere Hammocks. An ein richtiges
Schlafen ist jedoch nicht zu denken.
Um ca. 05:00 Uhr legt das Boot ab und wir treten die Reise flussaufwärts,
Richtung Itapuama an, wo wir gegen die Mittagszeit eintreffen. Wir
haben unser Ziel erreicht!
Base Camp Itapuama – kit- and medical
checks (8. Oktober 2008)
Wir
beziehen unser vorübergehendes Quartier in einer der palmwedelbedeckten,
offenen Hütten, die zum Schutz vor Schlangen und sonstigem
Getier auf Pfählen errichtet sind. Für den Nachmittag
des Ankunftstages stehen der medizinische Check und die Kontrolle
der Ausrüstung an. Beides ist mehr oder weniger eine Farce,
denn weder das medizinische, noch das Support-Team wissen so richtig
wie sie vorgehen – was sie verlangen - sollen. Nach einer
Stunde ist die Angelegenheit erledigt und ich glaube nicht dass
einer der 90 Läufer irgendwelche Probleme hatte.
Den Rest des Nachmittags nützen wir zum Erkunden der umliegenden
Gegend und zum ein- und auspacken unserer Rucksäcke. Der Rio
Tapajos – mit seinem 28 °C warmen, klaren Wasser –
lädt zwischendurch zum Schwimmen ein. Die Atmosphäre ist
locker, man beschnuppert sich gegenseitig und schließt Freundschaften.
Insgesamt werden 90 LäuferInnen am diesjährigen JM teilnehmen,
davon immerhin 10 Frauen. Wir sind eine buntgemischte Truppe aus
Brasilianern, Engländern, Amerikanern, Österreichern (mit
5 Läufern die viert stärkst vertretene Nation), Deutschen,
Dänen, Franzosen und Südafrikanern. „Amtssprache“
ist Englisch.
Die Temperaturen dürften sich irgendwo zwischen 30 und 35 °C
bewegen und die Luftfeuchtigkeit von nahezu 100 Prozent lässt
uns auch bei wenig Bewegung schwitzen. Ich bin andauern am Trinken
um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen und der gefürchteten
Dehydration vorzubeugen. Mein Körper hat sich eindeutig noch
nicht auf dieses ungewohnte Klima eingestellt. Wir sind seit unserer
Ankunft in Brasilien Selbstversorger, d.h. wir leben von unseren
eigenen, mitgebrachten Lebensmitteln. Allerdings genießen
wir den Luxus, jederzeit heißes Wasser, zum Zubereiten unseres
Essens, von der Feuerstelle holen zu können. Das Kochen bleibt
uns daher erspart.
Wasser steht uns in ausreichendem Maße zur Verfügung
– ist nicht rationiert und kann jederzeit aus großen
Kunststoffflaschen in unsere Trinkflaschen aufgefüllt werden.
Ich
gönne mir den Luxus mitgebrachter Landjäger, Brot, Schokolade
etc. – eben alles was ich während des Rennens nicht mitzuschleppen
gedenke. Noch haben wir unser gesamtes Gepäck bei uns und werden
erst am nächsten Abend entscheiden müssen was wir in den
Dschungel
mitnehmen und was zurückbleiben wird.
Es
wird früh dunkel in den Tropen und um 19:00 Uhr liege ich zufrieden
in meiner gut aufgespannten Hängematte. Die Geräusche
des Dschungels faszinieren mich und ich schlafe nach den Strapazen
der Reise sehr schnell ein um immer wieder aufzuwachen und in die
sternenklare Nacht zu horchen. Die Geräuschkulisse wirkt exotisch
neu und beruhigend auf mich – es ist einfach wunderschön.
Base Camp Itapuama – jungle training
(9. Oktober 2008)
Obwohl ich schwitzend eingeschlafen war, bin ich in der Nacht frierend
aufgewacht (auch schon die Nacht davor auf dem Boot) und habe mich
wärmer angezogen. Dies obwohl die Nächte eigentlich nicht
kühl sind. Trotzdem fühle ich mich herrlich ausgeruht.
Heute steht das „Dschungel-Training“ auf unserm Programm,
ansonsten nutzen wir die Zeit nach Belieben. Schlussendlich bleibt
vom ganzen Programm des Veranstalters nicht mehr viel übrig.
Das jungle training beschränkt sich auf den (guten) Vortrag
eines Sergeants der Armee, der uns über die möglichen
Gefahren durch Tiere (wie Schlangen, Spinnen, Stachelrochen und
Jaguar), sowie durch giftige, stachelige und schneidende Pflanzen
aufklärt. Beruhigende Quintessenz: solltet ihr von einer Schlange
gebissen werden versucht ruhig zu bleiben. Merkt euch das Aussehen
der Schlange: oder noch besser – schneidet ihr den Kopf ab!
Bleibt wo ihr seid und wartet bis wir euch holen ……………………
Der
Rest des Tages vergeht mehr oder weniger mit dem Zusammenstellen
der Ausrüstung, dem wiederholten Ein- und Auspacken des Rucksackes,
baden, essen und quatschen.
Am Abend bringen wir das Gepäck, welches wir nicht für
den Lauf benötigen, zurück auf das Boot. Für mich
hat sich die Entscheidung gestellt: verzichte ich auf einen Teil
meiner Nahrungsmittel oder auf ein warmes Kleidungsstück? Nach
dem Motte „lieber ein paar Tage hungern als eine Woche frieren“
habe ich mich mit ca. 12.000 kcal. begnügt und die warme Jacke
eingepackt. Eine vorgeschriebene Kalorienmindestmenge wie beim MdS
gibt es beim JM nicht.
Ich habe die richtige Entscheidung getroffen! Um 18:00 Uhr gibt
es ein kurzes „breefing“ zur morgigen ersten Etappe
und einen Vortrag zum Thema Dehydration. Wir sind bereit!
Stage 1 bis Stage 6 (10.
bis 16. Oktober 2008)
Um 05:00 Uhr sind wir aus unseren Hängematten gekrochen und
haben im Licht unserer Stirnlampen noch einmal unsere Ausrüstung
kontrolliert, die Rucksäcke noch einmal gründlich gepackt,
gefrühstückt und uns moralisch auf die erste Etappe vorbereitet.
Sonnenaufgang ist um 06:00 Uhr.
Der
Start wird heute um 06:30 stattfinden! Am Ufer – oder besser
gesagt - am Strand des Rio Tapajos ist ein einfaches Start-Transparent
an zwei Stangen aufgehängt. Dort versammeln wir uns. Shirley
verkündet: „Start in a few minutes“ – wenige
Minuten danach beginnt der Countdown. Ten, nine, eight ………
Wir haben heute 18 Kilometer vor uns. Zuhause ein Klacks, eine Frühstücksrunde.
So leicht wird es uns der Veranstalter aber heute wohl nicht machen!
„….. three, two, one zero - and go!”
Vor uns liegen ca. 200 Meter Sand und dann geht es bereits durch
den ersten kleinen Bach. Das Wasser reicht mir bis zur Hüfte
– ich empfinde es als unangenehm als ich mit triefenden Hosen
und Schuhen wieder aus dem Bachbett steige und weiterlaufe. Doch
schon nach zwei Minuten bemerke ich es nicht mehr. Wir erreichen
die ersten Ausläufer des Dschungels und nach wenigen Metern
sind wir mitten drin. Die Luftfeuchtigkeit steigt spürbar und
nach 20 Minuten kommt der erste Anstieg. Spätestens jetzt wäre
ich ohnehin von Kopf bis Fuß nass! Der Schweiß bricht
aus allen Poren hervor und fließt in Strömen. Nach dem
ersten Anstieg beginnt sofort der Abstieg und dann steht uns der
nächste Anstieg bevor. Er ist so steil dass ich den Kopf in
den Nacken legen muss um nach oben zu sehen. Der Untergrund ist
feucht und rutschig, immer wieder muss ich mit den Händen nachhelfen
um weiter zu kommen. ......
Beinahe das Ende
Nach
genau 47 Minuten der ersten Etappe hänge ich, verzweifelt nach
Luft ringend, an einem Baum in dieser Steigung und kämpfe darum
nicht ohnmächtig zu werden. Der Rucksack scheint 100 kg zu
haben und meine Füße sind kaum noch imstande mich zu
tragen. Ich brauche fünf Minuten um wieder ruhig atmen zu können
und weitere fünf um meine Panik in den Griff zu bekommen. Ich
nehme den Anstieg wieder in Angriff. Diesmal langsam und überlegt,
ein Schritt nach dem anderen – passe mich dem Tempo meines
Vordermannes an. Langsam kehrt mein Selbstvertrauen wieder zurück
– ich beginne mich den Verhältnissen anzupassen und achte
darauf mich nicht allzu sehr zu verausgaben. „Halte dich zurück
– am ersten Tag kannst du maximal ein paar Minuten gewinnen,
für die nächsten Tage aber Stunden verlieren!“
An diesem ersten Tag wechseln sich Auf- und Abstiege in Folge. Die
Durchquerung eines tiefen Flusses mittels zweier Seile ist für
mich eine Wohltat, da sie mir kurzfristig zu einer einigermaßen
normalen Pulsfrequenz verhilft. Dann geht es wieder den nächsten
Anhang hoch.
Die drei Checkpoints nutze ich nur kurz um meine Wasserflaschen
nachzufüllen. Während zweier Gehphasen spüle ich
jeweils einen Powerriegel mit viel Wasser hinunter um wenigstens
etwas Energie nachzuladen. Nach 4:50 Stunden bin ich heilfroh endlich
durch das Zielbanner laufen zu können.
Trotz meiner Schwäche nach den ersten Kilometern habe ich durchgehalten.
Wie leicht hätte ich die drei Ausfälle des heutigen Tages
auf vier erhöhen können. Ich nehme mir vor die morgigen
25 km überlegter anzugehen und mich besser an die Gegebenheiten
anzupassen.
Campsites
Die
täglichen Campsites (nach den gelaufenen Etappen) liegen an
den Ufern des Rio Tapajos, oder ganz in dessen Nähe. Manchmal
liegen sie komplett für sich, manchmal sind wir in das Leben
kleinster Dorfgemeinschaften von Einheimischen regelrecht mit einbezogen.
Immer gibt es heißes Wasser zu (beinahe) jeder Tages- und
Nachzeit, immer steht zumindest eine einfache Latrine zu Verfügung.
Platz um unsere Hängematten aufzuhängen finden wir entweder
zwischen den Bäumen der Uferbewaldung, oder es werden von den
Einheimischen extra Pfähle für uns eingeschlagen.
Der Dschungel beginnt unmittelbar hinter dem Strand und ist mitunter
schon nach wenigen Metern sehr dicht.
Während der letzten Tage hat es am Nachmittag jeden Tages kräftig
– manchmal minuten-, manchmal stundenlang - geregnet. Dies
führt dazu, dass die Dschungelpfade mitunter morastig, die
An- und Abstiege matschig und die Sümpfe noch tiefer werden
als gewöhnlich. Die Luftfeuchtigkeit hat ohnehin beinahe 100
% erreicht und erschwert das Trocknen unserer Ausrüstung zwischen
den Etappen. Die Rainflys unserer Hängematten sind es absolut
wert mitgeschleppt zu werden.
Sümpfe (swamps)
Stage 2 hält 25 Kilometer Matsch, Sümpfe, Hügel und
Abstiege für uns bereit. Dazu kommt eine drückende Hitze
die von einer stechenden Sonne unterstützt wird, sobald sich
der Regenwald etwas lichtet. Auch ohne die Durchquerung von Sümpfen
und Bächen wäre die Kleidung immer tropfnass.
Beim Kampf durch die allgegenwärtigen Sümpfe weiß
man bei keinem Schritt, ob man nur bis zu den Knöcheln oder
bis zur Hüfte im Morast versinken wird. Solange man in der
Gruppe läuft kann man sich am Vordermann orientieren, oder
sich einen anderen Weg suchen. Ist man jedoch alleine (und das ist
meistens der Fall) muss man sich seinen eigenen Weg suchen.
Die Sümpfe sind durchsetzt von Wurzeln und verrottendem Holz.
Sinkt man ein tut man gut daran seine Schuhe mit den Zehen möglichst
festzuhalten und sich nur langsam aus dem Morast zu befreien, sofern
man nicht ohne Schuhe weiterlaufen will. Meine Gamaschen waren mir
auch hier sehr hilfreich.
Der Morast, der nach einer Sumpfpassage überall klebt, wird
innerhalb kürzester Zeit vom Schweiß, oder bei der nächsten
Flußdurchquerung abgespült.
Dschungelpfade
Zwischen
Sümpfen und Bachbetten gibt es immer wieder lange Passagen
auf Dschungelpfaden die sich zum Laufen anbieten. Tatsächlich
Kilometer machen kann man hier. Stundenlanges Traben auf diesen
Pfaden, mit den vielfältigen Geräuschen der meist unsichtbaren
Bewohner im Ohr kann zum Genuss werden. Die Vielfalt der Pflanzenwelt
und deren ungehindertes Leben und (ab-)Sterben rund umher sind überwältigend.
Für mein ungeübtes Auge sind kaum menschliche Eingriffe
erkennbar. Mitunter liegen alle Augenblicke umgestürzte Bäume
über den Weg. Manchmal zwei und drei gleichzeitig. Diese müssen
überklettert, unter- oder umgangen werden. Lianen und Schlingpflanzen
hängen von den Bäumen und liegen zu Hunderten auf den
Pfaden. Jeder Schritt kann ein „Einfädler“ sein
der unweigerlich zu einer Bauchlandung führen kann. Die unter
dem Laub verborgenen Wurzeln und Löcher stellen hohe Ansprüche
an Fußgelenke und Bänder, das Gewicht des Rucksackes
verstärkt noch die Gefahr des „Umknickens“.
Bei
all diesen Hindernissen auf den Dschungelpfaden dürfen aber
keinesfalls die Markierungen aus dem Auge gelassen werden. Die an
den Zweigen angebrachten „Tapes“ sind nicht immer sehr
gut sichtbar und regelmäßig kreuzen andere Pfade den
markierten Weg. Ist man einen Augenblick unaufmerksam und biegt
in einen falschen Weg ein, ist die Frage wie lange man benötigt
um zu bemerken dass keine Markierung mehr da ist. Umkehren und nach
der letzen Markierung suchen ist die einzige Möglichkeit. Dabei
geht wertvolle Zeit verloren und mitunter ist es gar nicht so einfach
den Weg zurück zu verfolgen.
Läuft man in der Gruppe, so wechseln sich die Führenden
regelmäßig ab. Die Konzentration auf Markierung, Untergrund,
Umgebung und seinen eigenen Körper ist auf Dauer sehr ermüdend.
Solange man ausgeruht und einigermaßen bei Kräften ist,
kann man eine Art Trott durchhalten. Irgendwann macht es aber Sinn
in eine Art „Schnellmarsch“ zu fallen um die lädierten
Fußgelenke und Bänder zu schonen.
Für die 25 km der 2. Etappe brauche ich 6:05 Stunden und bin
beim Zieleinlauf ziemlich erschlagen. Wie lange werde ich wohl für
die langen Etappen der kommenden Tage benötigen? Werde ich
überhaupt innerhalb der festgelegten Zeitlimits bleiben können?
Da der Start heute Morgen bereits um 06:00 Uhr erfolgte kann ich
mich bereits um kurz nach 12:00 Uhr der Regeneration und Pflege
der Ausrüstung widmen. Um den Schlamm abzuwaschen habe ich
mich heute mit der kompletten Bekleidung unter die Dusche gestellt
und hänge nun meine Sachen zum Trocknen auf. Hängematte
und Rainfly sind bereits aufgebaut, da setzt eine wahre Regenflut
ein und meine Trocknungsversuche scheitern kläglich. Was soll`s
– morgen werden meine Sachen ohnehin sofort wieder nass sein.
Den ganzen Nachmittag treffen noch Läufer ein und werden im
Camp mit Jubel begrüßt.
Die heutige Etappe hat die Anzahl der Ausfälle auf 10 erhöht.
Zwei Teilnehmer erleiden – bereits im Lager angekommen –
einen Schwächeanfall, bzw. einen Hitzeschlag und müssen
ärztlich versorgt werden. Ihr Zustand verschlimmert sich gegen
Abend, sodass sie in das nächstgelegene örtliche Krankenhaus
gebracht werden müssen. Unsere Ärzte begleiten sie um
eine weitere ordnungsgemäße Versorgung zu gewährleisten.
Am
3. Renntag sind die Ärzte noch nicht zurück, sodass sich
das OK entschließt die heutige Etappe nicht zu starten. Die
Zwangspause wird von den Läufern ganz unterschiedlich aufgenommen,
hat sie doch einen wesentlichen Einfluss auf den Ablauf der künftigen
Etappen. Erst gegen Abend wird festgelegt wie die verbleibenden
drei Etappen ausschauen sollen.
Die neue Etappe 4 wird eine 39,5 Kilometer lange Kombination der
ausgefallenen Stage 3 und der ursprünglich geplanten Stage
4 sein.
Der lauffreie Tag und zwei erholsame Nächte in der Hängematt
haben mich für diese, bisher längste Distanz, gestärkt
und mich zudem optimistisch gestimmt. Zudem scheint die Akklimatisation
nun eingesetzt zu haben. Trotz zahlreicher happiger Anstiege, der
längsten Sumpfdurchquerung bisher und dem Durchschwimmen eines
200 Meter breiten Flusses erreiche ich das Ziel nach 5:56 Stunden
in tadelloser Verfassung!
Positives Detail am Rande: trotz dauernd nasser Füße
habe ich noch immer keine Blase. Das präventive Abkleben von
Zehen und Fußballen mit Tape scheint Früchte zu tragen.
Die Nacht vor der gefürchteten langen Etappe schlafe ich –
wie immer – ausgesprochen gut. Ich lasse mich von den Dschungelgeräuschen
einwiegen und sehe dem kommenden Morgen relativ gelassen entgegen.
Stage 5 – die gefürchtete
90 km Etappe
Für
die meistgefürchtete Etappe des Jungle Marathons gilt ein Zeitlimit
von ca. 36 Stunden. Wie der Läufer sich diese Strecke einteilt
ist ihm überlassen. Ich jedenfalls möchte die gesamten
90 Kilometer ohne Schlafpause zurücklegen. Damit dies überhaupt
möglich ist muss ich bis 16:45 Uhr CP 5 erreicht haben, da
danach das angebliche „Jaguargebiet“ beginnt. Wer nach
16:45 Uhr eintrifft wird angehalten und muss die Nacht im Checkpoint
verbringen um Begegnungen mit dem nachtaktiven Jaguar zu vermeiden.
Trotz der bisher steilsten und längsten An- und Abstiege, zahlreicher
Flußdurchquerungen und mörderischer Hitze schaffe ich
CP 5 am frühen Nachmittag und lasse nach 48 Kilometern den
Dschungel hinter mir. Die restlichen 52 km werden vorwiegend auf
Wegen und Straßen zurückgelegt, wobei die Bezeichnung
„Straße“ meist eher auf „Pisten“ abgeändert
werden müsste. Der weiche und tiefe Sand macht das Laufen zu
einem erheblichen Kraftakt. Stunde um Stunde bewege ich mich bei
brütender Hitze dem nächsten CP entgegen und wünsche
mir den Abend und die (relative) Kühle herbei. Markierungen
sind kaum mehr notwendig, da der Weg oft kilometerlang geradeaus
führt. Der Körper schaltet auf Automatik und das Laufen/Gehen
wird zum gleichmäßigen Stampfen – die Beine bewegen
sich wie von selbst. Der Körper hätte eigentlich schon
lange genug, schreit nach einer Pause – aber der Kopf drängt
weiter. Solche Distanzen werden im Kopf bezwungen!
Irgendwann nach dem Einsetzen der Dunkelheit – es ist Vollmond
und ich brauche meine Stirnlampe nur sehr sporadisch – fällt
aller Schmerz und alle Müdigkeit von mir ab. Ich bewege mich
wie in Trance vorwärts, registriere Häuser und Dörfer
die an mir vorbeiziehen. Die Tapes sind inzwischen teilweise durch
Knicklichter ersetzt worden und weisen mir den Weg. Ich sauge die
Dschungelgeräusche in mich auf und fühle eine tiefe innere
Ruhe. Die Beine unter mir bewegen sich vorwärts ….. die
Gedanken schweifen ab…….
Irgendwann
stehe ich am Ufer des Rio Tapajos. Die Lichtmarkierungen sind verschwunden
und ich tappe umher bis ich das nächst Tape finde. Eine halbe
Stunde lang irre ich von Markierung zu Markierung am Strand entlang
bis der Weg wieder in den Dschungel führt und sich das mondbeschienene
Band einer „Sandstraße“ vor mir auftut. Noch zwei
Stunden bewege ich mich auf diesem Band vorwärts. Die Leichtigkeit
ist verflogen, der Schmerz in den Beinen wieder da.
Irgendwann durchquere ich bei völliger Dunkelheit einen Fluss
an einem Seil und wieder geht es zurück auf meinen „Mondpfad“.
Die Zeit hat ihre Bedeutung für mich verloren und ich laufe
und laufe.
Gegen 22:30 Uhr (ich kann kaum glauben dass es erst so spät
ist) führen mich Knicklichter plötzlich von der Straße
weg Richtung Strand. Weit entfernt sehe ich ein Feuer brennen halte
darauf zu. Meine Müdigkeit ist verflogen, meine Stimmung hellt
sich auf. Dann, gegen 23:00 Uhr, nach 17:07 Stunden laufe ich im
Ziel ein.
Die restliche Nacht in der Hängematte habe ich wahrscheinlich
im Schlaf vor mich hin gelächelt. Die Angstetappe liegt hinter
mir, ein Erholungstag vor mir. Was kostet die Welt?
Die
31 km der letzten Etappe führen
die volle Distanz den Ufern des Rio Tapajos entlang nach Alter do
Chao. Die ersten zwei Stunden laufe ich locker dahin und bemerke
kaum die Blasen die ich mir auf der langen Etappe geholt habe. Danach
wird es erst warm, dann heiß. Der Sand ist von unterschiedlichster
Konsistenz und verlangt die Suche nach immer wieder neuen Wegen.
Drei Flussläufe sind zu durchqueren und die Sonne wird immer
stechender. Die letzten Kilometer ziehen sich endlos dahin, aber
nach 4 Stunden liegt Alter do Chao in einer malerischen Bucht vor
mir. Die eintreffenden Läufer werden von einer Menschenmenge
mit Musik und Feuerwerk begrüßt. Ich laufe die letzten
Treppenstufen der Strandpromenade hinauf und trabe mit erhobenen
Händen über die „finish line“ Shirley hängt
mir die Riesenmedaille um den Hals! Auf dem T-shirt, das ich ebenfalls
erhalte, steht: SURVIVOR
|
RUND UM DEN JM
Alter do Chao
Touristenstadt am Rio Tapajos, ca. eine Autobusstunde von Santarem
entfernt. Hier werden die Läufer des JM auf ein Boot verladen
und nach Itapuama gebracht. Gleichzeitig ist in Alter do Chao die
„finish line“ der letzten Etappe des Jungle Marathon.
Bekleidung
zum Laufen
dünne, schnell trocknende Sportbekleidung
haben mich überzeugt. Zum besseren Schutz der Beine habe ich
¾-Tights getragen, T-shirt Kurzarm war für mich ausreichend!
zum Schlafen
die 2. Garnitur habe ich mir immer trocken
gehalten und zum Schlafen verwendet. Ich empfehle lange Ärmel
und lange Tights.
für mich sehr wichtig war zusätzlich eine Jacke die ich
in den doch nicht so warmen Nächten überziehen konnte!
CP – Checkpoint
Wasserausgabe-
und Kontrollstellen zwischen Start und Ziel einer Etappe. Hier werden
durchkommende Läufer registriert und ev. von einem Arzt kontrolliert.
In der Regel alle 5 – 10 Kilometer, je nach Schwierigkeitsgrad
des Geländes.departs 0600hrs -24.5km, cut-off 17.30hrs
Gepäck
die Trennung des Gepäcks
erfolgt am 2. Abend im Base Camp in Itapuama. An diesem Abend vor
der 1. Etappe entscheidet der Teilnehmer, was er während des
Laufes mit sich tragen will, bzw. was nach Alter do Chao zurückgeht.
Hängematte
2008 verwendeten
der größte Teil der Teilnehmer eine „Hennessy Hammock“
http://hennessyhammock.com/
Die Hängematte verfügt über Moskitonetz und Rainfly,
einen Einstieg von unten (!) und kann beinahe überall ohne
zusätzliche Seile etc. befestigt werden. Ausgesprochen komfortabel
und absolut empfehlenswert! Gewicht je nach Type zwischen 500 und
900 g
Itapuama
Base Camp und Startpunkt
zur 1. Etappe des Jungle Marathon. Hierher werden die Teilnehmer
mit dem Boot von Alter do Chao gebracht
Kalorien
Eine Mindestkalorienanzahl
ist nicht vorgeschrieben. Empfehlungen werden mit ca. 2.000 kcal/Tag
angegeben.
Knicklichter
Leuchtstab (chemisches Leuchtmittel) das zur Markierung des Weges
bei der Nachtetappe eingesetzt wird
Moskitos
habe am Rio Tapajos so gut wie keine bemerkt. Angeblich finden diese
im klaren Wasser dieses Flusses keine Möglichkeit ihre Brut
abzulegen und halten sich daher lieber am Amazonas auf ;-)
Ohrstöpsel
habe ich nicht verwendet sondern das (manchmal etwas laute) Dschungelspektakel
mit allen Sinnen genossen.
Rio Tapajos
einer der größten Nebenflüsse des Amazonas, in welchen
er bei Santarem mündet. Den Unterlauf kennzeichnen hellweiße
Uferstrände mit sehr feinem Sand, weshalb dieses Gebiet oft
als die „Karibik Brasiliens“ bezeichnet wird.
Roadbook
Programmablauf und Streckenbeschreibungen der 6 Etappen. 2008 total
für die Katz, da aufgrund der Streckenänderungen auch
die Kilometerangaben zwischen den CP`s nicht mehr stimmten.
Schuhe
je ausgeprägter und tiefer das Profil desto besser. Meine Salomon
speedcross 2 haben sich toll bewährt!
Leichte Gamaschen sind besonders im Morast von Vorteil.
Spinnen/Schlangen/Skorpione/Stachelrochen/Jaguar
außer einer einmaligen Begegnung mit einer Schlange (ich wäre
beinahe draufgetreten und sie ist ebenso erschrocken geflüchtet
wie ich) habe ich keine lebenden Spinnen, Skorpione oder Schlangen
gesehen. Ebenso wenig habe ich von der Begegnung irgendeines Kollegen
mit einem der gefürchteten Stachelrochen (stingray) gehört.
Ein einziger Teilnehmer des JM 2008 hatte das Glück einen Jaguar
zu sichten!
Tape
meine Zehen, Fußballen und sonstigen (mir bekannten) Druckstellen
habe ich präventiv mit Tape abgeklebt. Blasen sind mir so bis
nach der langen Etappe erspart geblieben.
Wasser
ist nicht rationiert (wie z.B. beim MdS) und kann vom Läufer
selbst in beliebiger Menge bezogen werden. Es wird keine „Wasserkarte“
ausgegeben.
Heißes Wasser steht in jedem Camp (beinahe) rund um die Uhr
zur Verfügung.
wasserdichte Verpackung
Dinge die nicht nass werden sollen müssen unbedingt wasserdicht
verpackt werden. Bei der Verwendung von Zipp-Beuteln empfiehlt es
sich, diese doppelt zu nehmen. Spezielle, wasserdichter Packbeutel
haben den Vorteil, dass sie nicht so leicht aufscheuern und auch
nach mehrmaligem Öffnen und Schließen noch dicht sind.
Wegmarkierung
an Bäumen und Sträuchern werden farbige Tapestreifen befestigt.
Bei unübersichtlichen Stellen kann dies alle 2-3 Meter, sonst
auch nur alle 50 – 100 m erfolgen. Bei der Nachtetappe sollten
diese Tapes durch „Knicklichter“ ersetzt werden. (SOLLTE
– die Markierung der Nachtetappe war 2008 mehr als dürftig!)
Zeitumstellung
MEZ ( u.a.Österreich, Deutschland, Schweiz) zu Santarem beträgt
minus 5 Stunden
d.h. ist es in Santarem z.B. 12:00 Uhr so ist es in Ö/D/CH
bereits 17:00 Uhr
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